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16 September 2026

Luis Craff – Der Maestro, der selbst die Steine zum Singen brachte

Written by Guerlio Peralta, Narbo Peralta - Redaktionsteam, Posted in Kultur, Gesellschaft und Bildung

Luis Craff – Der Maestro, der selbst die Steine zum Singen brachte

Am 13. September 2026 trat Luis „Lucho“ Craff Zevallos seinen Weg in die Ewigkeit seines Schaffens an. Mit ihm ging ein Musiker, Komponist, Pianist, Dirigent und außergewöhnlicher Chorarrangeur – vor allem aber ein Maestro, der tiefe Spuren in Generationen von Musikern und Sängerinnen und Sängern hinterlassen hat. Spuren, die in Peru und Lateinamerika weiterleben, aber auch in Deutschland, jenem Land, das er in den letzten Jahrzehnten seines Lebens zu seiner Heimat gewählt hatte.

Für uns, die wir ein Stück unseres Weges mit ihm gegangen sind – zunächst im TUNI, dem Teatro de la Universidad Nacional de Ingeniería in Lima, und Jahre später in der Musikgruppe Alturas –, hat sein Abschied darüber hinaus eine zutiefst persönliche Dimension.

Jene jungen Leute vom TUNI

Anfang der siebziger Jahre war das TUNI vor allem eine studentische Theatergruppe. Es waren bewegte Zeiten in Peru und in ganz Lateinamerika. Theater, Poesie und Lied waren zugleich Möglichkeiten, die gesellschaftliche Wirklichkeit zu hinterfragen. Und die sogenannte lateinamerikanische „música testimonial“ fand gerade unter jungen Menschen einen natürlichen Raum, um soziale Anliegen, Träume und Hoffnungen zum Ausdruck zu bringen.

In dieser Zeit trat Luis Craff in unsere Geschichte – und eröffnete dem TUNI eine neue Welt: die Musik.

Es gibt ein Bild aus jenen Jahren, das mehr als ein halbes Jahrhundert später noch immer unversehrt in unserer Erinnerung lebt.

Wir warteten auf der Straße vor dem Haus, in dem er wohnte, auf den damals bereits anerkannten Maestro, um ihn abzuholen und zu jenen ersten Proben zu bringen, bei denen er begann, uns zu leiten.

Wir waren kaum mehr als musikalische Grünschnäbel: begeisterte Studenten, die unbedingt singen wollten und dabei mit Sicherheit weit mehr Enthusiasmus als musikalisches Wissen besaßen.

Und dennoch war Lucho da.

Ein Musiker seiner Ausbildung und seines Ansehens war bereit, seine Zeit und sein Wissen einer Gruppe junger Studenten zu schenken, die gerade erst zu entdecken begann, was es überhaupt bedeutete, ernsthaft zu singen.

Aus der Distanz der Jahre betrachtet, erhält diese Geste heute eine ganz andere Dimension. Sie erzählt von der Bescheidenheit und der außergewöhnlichen Großzügigkeit Luis Craffs.

Bei ihm lernten wir, dass es nicht genügte, ein Lied zu singen, nur weil sein Text das ausdrückte, woran wir glaubten. Man musste es interpretieren, seine Nuancen entdecken, gemeinsam atmen, dem anderen zuhören – und verstehen, dass eine einzelne Stimme eine vollkommen neue Kraft entfalten konnte, sobald sie ihren Platz unter den anderen Stimmen fand.

Die Musik war von da an nicht mehr nur Begleitung unserer Theaterarbeit. Stimmbildung, Harmonien, die Disziplin der Proben und die musikalische Interpretation eröffneten ein neues Kapitel in der Geschichte des TUNI – und veränderten zugleich unsere Art, uns jener engagierten lateinamerikanischen Musik der siebziger Jahre zu nähern.

Vielleicht waren wir uns damals des Privilegs noch gar nicht wirklich bewusst.

Der Maestro kam aus seinem Haus herunter – und ging mit, um diesen musikalischen Grünschnäbeln Musik beizubringen.

So war Luis Craff.

Alturas: ein Davor und ein Danach

Jahre später sollten sich unsere Wege bei der Musikgruppe Alturas erneut kreuzen.

Und wieder geschah etwas Ähnliches.

Für Alturas bedeutete die Ankunft von Luis Craff tatsächlich ein Davor und ein Danach.

Unter seiner Leitung trat die Gruppe in eine neue Phase höherer musikalischer Ansprüche und professioneller Entwicklung ein. Er arbeitete mit den Stimmen, an den Arrangements, an der Interpretation und am musikalischen Gesamtkonzept mit jener Konsequenz und Genauigkeit, die ihn auszeichneten – und respektierte dabei stets die Identität, die Alturas über viele Jahre hinweg entwickelt hatte.

Es ging ihm nie nur darum, einen falschen Ton zu korrigieren oder eine Harmonie zu verändern. Lucho verstand es, in den Musikern, mit denen er arbeitete, Möglichkeiten freizulegen, von denen sie oft selbst noch nichts wussten.

Zwischen 1990 und 1993 begleitete er Alturas auf ausgedehnten Europatourneen durch Deutschland, Frankreich, die Schweiz, Spanien und England. Es waren Jahre voller Konzerte, Straßen, Proben und Begegnungen mit einem Publikum aus unterschiedlichen Kulturen.

Auf diesen Reisen war er längst nicht mehr nur unser musikalischer Leiter.

Er war Maestro, Weggefährte und Verbündeter in einem musikalischen Abenteuer, das viele Jahre zuvor in Lima begonnen hatte und nun Grenzen überschritt.

Ein Arrangeur, dessen Werk Grenzen überwand

Doch Luis Craffs Lebenswerk auf die Chöre und Ensembles zu beschränken, die er leitete, hieße, eine der wesentlichsten Dimensionen seines Vermächtnisses außer Acht zu lassen: sein außergewöhnliches Schaffen als Chorarrangeur.

Über Jahrzehnte schrieb er Arrangements, insbesondere zu Werken aus dem unermesslichen Schatz der peruanischen und lateinamerikanischen Musik. In seinen Händen erhielten Melodien, die häufig aus der volkstümlichen Tradition hervorgegangen waren, neue Dimensionen: Die Stimmen traten miteinander in einen Dialog, antworteten einander, verflochten sich und schufen Harmonien von großer musikalischer Fülle – ohne dass das Lied dabei jemals seine Wurzeln oder seine Identität verlor.

Seine Arrangements überschritten bald die Grenzen jener Ensembles, für die sie ursprünglich geschrieben worden waren, und wurden von Chören in verschiedenen Ländern aufgegriffen. Ikonen der peruanischen Musik wie La flor de la canela und El Alcatraz fanden in seinen Chorfassungen neue Wege, durch Konzertsäle und Generationen zu reisen.

Im Laufe der Zeit wurden viele seiner Partituren Teil des Repertoires lateinamerikanischer Chöre. Die Qualität, Originalität und weite Verbreitung seiner Arbeit führten dazu, dass Luis Craff zu den großen Arrangeuren lateinamerikanischer Chormusik gezählt wurde.

Und vielleicht beginnt gerade hier die Ewigkeit seines Werkes.

Denn wenn ein Dirigent das Podium verlässt, hinterlässt er unweigerlich eine Leere. Ein Arrangeur aber hinterlässt die Stimmen – aufgeschrieben für die Zukunft.

Jahrzehnte später können junge Menschen in einer Stadt, die er vielleicht niemals besucht hat und die ihm nie persönlich begegnet sind, eine seiner Partituren aufschlagen, den Blick zum Dirigenten heben – und zu singen beginnen.

Und in diesem Augenblick ist Luis Craff auf eine geheimnisvolle Weise wieder gegenwärtig.

Von San Marcos nach Karlsruhe

Ein bedeutendes Kapitel seines musikalischen Weges war auch mit dem Universitätschor von San Marcos verbunden, den er über Jahre leitete und in dem er ebenfalls seine musikalische und pädagogische Handschrift hinterließ.

In den neunziger Jahren wählte er Karlsruhe in Deutschland zu seinem Lebensmittelpunkt. Dort sollte er bis zu seinem Tod bleiben. Doch die räumliche Entfernung bedeutete keineswegs eine Entfernung von seinen Wurzeln. Im Gegenteil: Durch die Musik baute er weiter an jener Brücke zwischen Lateinamerika und Europa, die einen großen Teil seines Lebens geprägt hatte.

In Karlsruhe leitete er den Coro Latino, in dem Lateinamerikaner und Deutsche gemeinsam sangen und dessen Repertoire vor allem der Musik Lateinamerikas gewidmet war. Selbstverständlich trugen viele der aufgeführten Werke Arrangements von Craff selbst.

Mehr als 25 Jahre lang stand er außerdem dem Shantychor der Marinekameradschaft Ettlingen bei Karlsruhe vor, dessen Repertoire Seemannslieder, Shantys und deutsche Volkslieder umfasst. Für dieses langjährige Engagement wurde er auch vom Badischen Chorverband ausgezeichnet.

Der scheinbar große Sprung zwischen lateinamerikanischer Musik und deutschen Seemannsliedern offenbart in Wahrheit etwas Wesentliches über seine Persönlichkeit.

Das Repertoire mochte wechseln. Die Sprachen ebenso wie das Alter der Sängerinnen und Sänger. Doch eines blieb unverändert: die Berufung des Maestro, Menschen durch Musik zusammenzubringen und unterschiedliche Stimmen dazu zu bringen, am Ende gemeinsam zu atmen.

So zieht sich eine außergewöhnliche Linie durch sein ganzes Leben: vom TUNI zum Universitätschor von San Marcos; von Alturas zum Coro Latino in Karlsruhe; von seinen Arrangements peruanischer und lateinamerikanischer Musik bis zu den Liedern des Shantychors in Ettlingen.

Und an all diesen Orten blieben Stimmen zurück, die einst durch seine Hände gegangen waren.

Selbst die Steine zum Singen bringen

Ein Leben wie das von Luis Craff lässt sich kaum in Daten, Konzerten, Tourneen, Chören und Partituren zusammenfassen.

Sein eigentliches Werk lebt auch in den Menschen weiter.

In all jenen, die irgendwann während einer Probe vor ihm standen. In denen, die von ihm lernten, dass Singen immer auch Zuhören bedeutet. In jenen Musikern, die eine Phrase noch einmal wiederholen mussten, weil er wusste, dass sie es besser konnten. In all denen, die durch ihn eine Harmonie entdeckten, die sie sich zuvor nicht hatten vorstellen können.

Und es lebt in unseren Erinnerungen weiter.

Wie in jenem schlichten Bild vom Beginn der siebziger Jahre:

Ein paar junge Studenten, die in einer Straße von Lima warten.
Vor dem Haus, in dem ein angesehener Maestro wohnt.
Sie warten darauf, dass Lucho herunterkommt, um ihn zur Probe mitzunehmen.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später verstehen wir vielleicht besser, welche Größe sich hinter dieser alltäglichen Szene verbarg.

Luis Craff brauchte nie eine große Bühne, um Maestro zu sein.
Ein paar Stimmen und Menschen, die bereit waren zu singen, genügten ihm.

Viele Menschen – darunter auch bekannte Persönlichkeiten, die das Glück hatten, ihn kennenzulernen und mit ihm zu arbeiten – fassten seine außergewöhnliche Gabe gern in einem einfachen Satz zusammen, stets mit einer Mischung aus Bewunderung und Zuneigung:

Lucho konnte selbst die Steine zum Singen bringen.

Am 13. September 2026 trat er seine letzte Reise an.

Doch Lucho bleibt im TUNI.
Er bleibt in Alturas.
Er bleibt in San Marcos.
Er bleibt in Karlsruhe und Ettlingen.

Er bleibt in seinen Schülern – und in jeder seiner Partituren, die wieder auf einem Notenpult aufgeschlagen wird.

Solange in Lima, Karlsruhe oder irgendwo in Lateinamerika ein Chor erneut nach jenen Harmonien sucht, die er einst erdachte; solange einer seiner Schüler an andere weitergibt, was er von ihm gelernt hat; solange seine Arrangements in den Stimmen einer neuen Generation wieder lebendig werden – solange wird der Maestro da sein.

Aufmerksam lauschend.
Und vielleicht wartend auf jenen einen Ton, der noch ein wenig schöner klingen könnte.

Luis Craff ist aufgebrochen, der Ewigkeit seines Werkes entgegen.

Und von dort aus wird er ganz gewiss weiterhin selbst die Steine zum Singen bringen.

Für immer.


Luis Craff y el Grupo Alturas

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About the Author

Guerlio Peralta

Guerlio Peralta

Guerlio Peralta verfügt über langjährige Erfahrung im Management von IT-Projekten im CRM- und Support-Bereich. Seit 2007 hat er sich auf die Konzeption, Erstellung, Administration und Pflege von Internet-Portalen spezialisiert. Bei Peru-Vision ist er redaktionell zuständig für die Bereiche Tourismus und Gastronomie. Außerdem ist er zuständig für Technik, Kultur und Multimedia sowie für den Vertrieb.

Narbo Peralta - Redaktionsteam

Narbo Peralta - Redaktionsteam

Fotografie, Berichterstattung, Grafikdesign, Webdesign.   |   Professionelle Linse und Webredakteur der peruanischen Weltsicht. Fokussiert auf entscheidende Fakten von hier und da.

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