22. Januar 2024

Das Reisetagebuch der Eva Maria P.

Von Ernst R. Hartmann

Fischerboote an der Küste Chimbotes

Unser Mitarbeiter Ernst Hartmann verstarb am 22. Januar an den Folgen einer Krebserkrankung. 

Bis zuletzt hat er Artikel für Peru-Vision geschrieben und sich immer für unsere Arbeit engagiert. Wir verlieren einen wertvollen Menschen, der für seine Ideale einstand und den Dialog mit Andersdenkenden suchte. Wir bedanken uns bei ihm für die gute Zusammenarbeit und trauern um ihn.

Peru-Vision veröffentlicht den letzten Artikel von Ernst Hartmann, den er wenige Tage vor seinem Tod fertigstellte.

Das Reisetagebuch

Es war ein Schatz, der meinem Schwager in die Hände fiel. Ein überreich bebildertes Reisetagebuch seiner Schwester aus dem Jahr 1995. Einer dreiwöchigen Reise durch Peru. Einer Reise, mit der sich Eva Maria P. einen Traum erfüllte.

 

Die Reisegruppe

Am 11. Mai 1995 startet vom Flughafen Rom-Fiumicino mit ein-stündiger Verspätung um 2:00 Uhr nachts der Flug AZ 556 via Caracas nach Lima. Am späten Vormittag des 11. Mai 1995, einem Donnerstag, landet die Reisegruppe – zwölf Frauen und Männer aus Rottenburg, Heilbronn, Albstadt, Weil der Stadt und Pforzheim – in der peruanischen Hauptstadt.

Zum Hintergrund der Reise

Ich hatte die Möglichkeit über den Hintergrund der Reise mit Dr. Kraft Bollinger, einem Teilnehmer, zu sprechen.

Ernst R. Hartmann: Herr Dr. Bollinger, was war der Anlass, was gab den Anstoß zu dieser Reise?

Dr. Kraft Bollinger: 1981 haben die Weil der Städter Unternehmerfamilien Schnaufer und Nussbaum auf Initiative von Frau Dr. Rose Schnaufer die „Stiftung Unámonos für bedürftige Kinder und Jugendliche in Arequipa/Peru“ gegründet.

Auf Wunsch von Geschäftsfreunden und Sponsoren der Stiftung hatte Frau Dr. Schnaufer seitdem in mehreren kleinen Reisegruppen das „Wunderland Peru“ (wie es der Schweizer Arnold Heim 1948 in seinem Naturerlebnisse Buch formuliert) gezeigt, wo die feine Wolle liefernden Llamas, Alpacas und Vicuñas leben und es aber auch Bevölkerungsgruppen gibt, die in prekären Verhältnissen leben müssen, denen mit Hilfe der Stiftung geholfen wird.

Ernst R. Hartmann: Was können Sie über die Motive einzelner Teilnehmer*innen, diese Reise zu unternehmen, sagen?

Dr. Kraft Bollinger: Neben dem Kennenlernen des faszinierenden Landes Peru und seiner Einwohner, bestand durchweg der Wunsch, die Einrichtungen vor Ort in Arequipa zu besuchen/besichtigen, die von der Stiftung „Unámonos“ unterstützt werden.

Ernst R. Hartmann: Vielleicht noch ein Wort über das Tagebuch der Eva Maria P.?

Dr. Kraft Bollinger: Während der Reise hatte sich Frau Eva Maria Perrot als fleißige Tagebuch Schreiberin entpuppt, was schließlich am Ende der Reise zur Erinnerung an die besonderen Erlebnisse und Begegnungen in einem Buch (als Privatdruck) für alle Teilnehmer zum Geschenk gemacht wurde!

Ernst R. Hartmann: Vielen Dank, Herr Dr. Bollinger, für das Gespräch!

Die Reiseroute

Peru KarteDie Reise führt unsere Gruppe – nach einem zweitägigen Aufenthalt in Lima – zuerst in den Norden Perus, nach Cajamarca, Cumbemayo, Chiclayo, Sipán, Monsefú, Trujillo, Chanchán, die Hauptstadt des Chimú-Reiches, und nach Huanchaco.

Mit dem Flugzeug zurück nach Lima. Arequipa erreichen die Reisenden von lima aus mit dem Flugzeug. Hier halten sie sich drei Tage auf. Ihren Aufenthalt in Arequipa hat Eva Maria P. in einem längeren Abschnitt ihres Tagebuches festgehalten, der in einem zweiten Teil unseres Beitrags abgedruckt wird.

Die weiteren Reiseziele:

  • am Titicacasee: die chullpas (Grabstätten) in Sillustani, Puno, die Insel Taquile, Juliaca
  • mit der Andenbahn (Ferrocarril del Sur del Perú) von Juliaca nach Cusco; dann Ollantaytambo, Machu Picchu, Cusco

Als letzte Stationen ihrer Reise steuern unsere Freund*innen verschiedene Ortschaften südlich von Lima an: Pachacamác, Nasca, Huacachina, Paracas mit einem Abstecher zu den Islas Ballestas. Wieder in Lima, besteigen sie am 1. Juni 1995 am Flughafen Lima-Callao den Jumbo, der sie via Caracas und Rom nach Frankfurt bringt. Dort landen sie am 2. Juni 1995.

Begegnungen

Während der gesamten Reise absolviert die Gruppe ein umfangreiches Besichtigungsprogramm. So erfahren wir in den ersten Tagen von den heißen Quellen der Baños del Inca, dem Cuarto del Rescate, dem Ort, an dem Atahualpa mit seinem ausgestreckten Arm an der Wand des Raumes die Höhe anzeigte, bis zu der das "Lösegeld" (mit Gold und Silber!!!) den Raum füllen sollte, und den Ventanillas de Otuzco, den in Vulkangestein gehauenen Grabstätten aus der Zeit vor der Herrschaft der Inkas.

Über die Baños del Inca lässt José María Arguedas in „Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten“ den Fischer Aymara Hilario sagen: „An meiner Seite der Inka ist, wenn wir kommen auf hohe See. Atahualpa ist nicht tot … Inka an mein Seite, mehr noch, wenn ich tief Gewimmel von Sardellen spür. Dann ist da, der Inka, an mein Seite, ruhig, groß, dunkel Gistalt. Extra nach Cajamarca bin ich gefahren, um zu schauen, wo sie, heißt es, ihn getötet haben. In Baños del Inca, heißt es, und da hab ich gebadet. Im ganzen Tal Cajamarca ist Körper-Seele von Inka …“

Körper-Seele … Eva Maria P. beschränkt sich nicht auf die Beschreibung der Sehenswürdigkeiten, der Museen, der historischen und archäologischen Stätten. Das kann sie beliebigen Reiseführern überlassen. Wichtig sind ihr die Begeisterung für artesanía, für peruanisches Kunsthandwerk, für historische Artefakte in privaten Sammlungen, manchmal zweifelhafter Herkunft, für die Schönheit der peruanischen Wüsten, Berge und Täler, die Flora und Fauna, die Farben dieses Landes. Mehr noch für die Begegnung mit Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten, mit Armut und Wohlstand, mit Kindern, mit der sprichwörtlichen Gastfreundschaft.

Sie schreibt von der Busfahrt nach Cumbemayo: „Je höher hinauf auf der steinigen Straße unser Bus rumpelt, umso reicher werden die Hänge an Farben, blühenden Pflanzen – es ist die Zeit der Blüte der Bergflora … Leuchtender Ginster (retama), aus dessen Blüten ein Badezusatz gemacht wird, wunderbar enzianblauer Salbei, viel Gelb, zartes Rosa, weiße Sterne und immer wieder blau, z.B.
auch das Lilablau mit Weiß, der an Lupinen erinnernden Blüte der „
tarwi“, einer bitterschmeckenden, sehr proteinhaltigen Bohne. Sie wird in einer drei Tage dauernden Präparation zubereitet: zunächst kocht man sie weich und schält sie, um sie dann unter fließendem Wasser noch 2 weitere Tage von ihren Bitterstoffen zu befreien. Dann wird sie zusammen mit Gemüse gegessen. Wir sehen Felder mit ollucos, der gelben kleinen Kartoffel, ocas, den Süßkartoffeln – schmale, hochansteigende Felder, die von Hand oder mit einem einfachen Pflug bearbeitet werde, und immer wieder Gerste, Hafer, Roggen …“

Peru Karte

Über eine Einladung zum Essen: „Die Familie Rey de Castro, Ninis Familie, eine der ältesten und angesehensten der Stadt, Onkels und Tanten und Vettern und Cousinen von Ninis, lädt uns ein zu einem typischen, grandiosen Mahl. Wieder einmal, wie schon in Lima, erfahren wir diese großzügige, überwältigende, herzliche und zugleich elegante Gastfreundschaft der Peruaner. Es scheint, als hätten wir diese Art, Gäste, zumal Fremde, zu empfangen, verlernt im alten Europa. Es ist nicht nur das Büfett mit seinen kalten und warmen Spezialitäten der Region …, sondern vor allem die Aufmerksamkeit und freundliche Zuwendung der Gastgeber, die uns beglücken.“

Unamonos Broschüre 2022

In Arequipa besucht die Reisegruppe vier soziale Projekte. Darunter Unámonos, eine Schule für körperlich und geistig behinderte Kinder: „… in einem schönen zur Straße hin mit einem schmiedeeisernen Tor geschlossenen Stadthaus mit Treppenaufgang, Innenhof und verzweigten Gängen und Räumen über 2 Stockwerke erwartet uns Unámonos. Unámonos – der Imperativ aus dem Verb unirse, sich zusammentun, sich vereinigen – ist der um Gehör bittende Aufruf an alle. Er leuchtet uns neben der Klingel am Eingangstor entgegen. Als uns geöffnet wird, dringen wir in eine Welt ein, die uns allen bisher fremd war, die uns in einer Art und Weise gefangen nimmt, die ich nicht beschreiben kann und die uns in unserem ganzen Sein erfaßt und erschüttert. Der Empfang ist überwältigend: nicht nur die ganze Familie Rey de Castro steht da, auch die Lehrerinnen und Betreuerinnen in ihrer adretten Kleidung … und davor, in vorderster Reihe, die Kinder im Sonntagskleid, Rosen und gerollte Schriftstücke für uns in den Händchen. Sie kommen auf uns zu und überreichen sie uns, der „tía“, dem „tío“. Später singt eine Gruppe ein Liedchen für uns, man strahlt uns an, zeigt, was man lernt, kann: „A“ z.B. oder „B“ schreiben, formen, mit den Fingern und mit der Stimme – wenngleich unter Einsatz der Kraft des ganzen Körperchens.“

Diese Beobachtungen, diese Begegnungen machen das Reisetagebuch nach beinahe 30 Jahren noch immer lesens- und liebenswert, ja wertvoll.

Am letzten Tag in Lima nutzt Eva Maria, eine gute Reiterin, die Gelegenheit, auf der Hacienda Chacra Tres Caños ein Paso-Pferd zu reiten.

Das Reisetagebuch

Eva Maria P. hat mit ihrem Tagebuch ein literarisches Zeugnis hinterlassen, das von tiefer Zuneigung zu Peru und zu den Menschen dieses Landes spricht. Eva Maria P. starb im Januar 1996.

Über den Autor

Ernst R. Hartmann

Ernst R. Hartmann

Ernst R. Hartmann, geboren 1950 am linken Niederrhein. Versteht „links“ nicht nur geographisch. Nach Abitur, kaufmännischer Lehre und Ersatzdienst in einem Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt Studium der Mathematik und der Wirtschaftswissenschaften in Aachen und Freiburg i. Br. Arbeitete lange Jahre als Consultant in Einrichtungen des Gesundheitswesens und als Dozent vorwiegend in der Weiterbildung von Pflegekräften.

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