25. Mai 2020

2019 blieb der Anteil der Armen in Peru gleich

Von Gerardo Basurco - Redakteur, Themen Wirtschaft in Peru | Newsletter - 2020 - 06 Juni

Die stetige Reduktion der Armut in den letzten Jahren ist zur Stagnation gekommen (2014:22,7%, 2017: 21,7%, 2018:20,5% und 2019:20,2% der Bevölkerung). Die extreme Armut lag 2019 sogar bei 2,9%. 

Die Armut ist eher ländlich, weiblich und die meisten Armen arbeiten im informellen Sektor. In vielen Städten Perus beträgt der Anteil der Beschäftigten in diesem Sektor weit über 70%. Beachtlich ist auch der hohe Anteil der Armen, die z.B. in den Elendsvierteln Limas leben und im Zentrum der Stadt eine Tätigkeit in häuslichen Diensten, im informellen Sektor oder als Solo-Unternehmer verrichten.  In Zeiten des Coronavirus ist die tägliche Bewegung von 100 tausend Personen zum Verhängnis der Epidemiebekämpfung geworden.

Im Jahr 2019 belief sich der Anteil der monetären Armut auf 20,2% der Gesamtbevölkerung des Landes und blieb damit praktisch auf dem gleichen Niveau wie im Jahr 2018 (20,5%), der Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung änderte sich also kaum.  Dies wurde vom Nationalen Institut für Statistik und Informatik (INEI) gemäß den Ergebnissen der nationalen Haushaltserhebung 2019 (ENAHO) bekannt gegeben. Das INEI legte fest, dass als Bevölkerung in Armut diejenige gilt, deren Pro-Kopf-Ausgaben unter dem Wert der Armutsgrenze (Linea de pobreza) liegen, der dem Wert des Mindestwarenkorbs in Höhe von 352 Soles (ca. 100 Euro) pro Person und Monat entspricht.

In Peru werden zur Messung der monetären Armut die Ausgaben als Indikator des Wohlbefindens - im Vergleich zu Deutschland wo er vom Einkommen abhängt - betrachtet, wobei der Wert des Mindestwarenkorbs (Nahrungsmittel und Nicht-Nahrungsmittel) für 2019 mit S/. 352 Soles pro Monat und Person festgesetzt wurde. Für eine vierköpfige Familie betragen die Kosten des Familienkorbs S/. 1.408 Soles (ca. 370 Euro). Also gelten Personen, deren monatliche Pro-Kopf-Ausgaben unter S/. 352 Soles liegen, als arm.

Der Mindestnahrungsmittelkorb (Extreme Poverty Line) wird zur Messung der extremen Armut verwendet, die für 2019 mit S/ 187 Soles (ca. 49 Euro) pro Monat und Person berechnet wird (eine vierköpfige Familie hat also S/ 748 Soles [155 Euro] im Monat zur Verfügung).

Armutskarte nach Regionen

Armut nach Regionen

Im Großraum Lima stieg die Armut um 1,1 Prozentpunkte und an der ländlichen Küste ging sie um 4,0 Prozentpunkte zurück. Zu den ärmsten  Regionen zählen Ayacucho, Cajamarca, Huancavelica und Puno, die einen Armenanteil  zwischen 34,4% und 39,4% haben. In der reichsten Gruppe befand sich die Region Ica mit der niedrigsten Armutsquote zwischen 1,3% und 3,9%.

Extreme Armut

Im Jahr 2019 waren 2,9% der Bevölkerung von extremer monetärer Armut betroffen. In ländlichen Gebieten betrug die extreme Armut 9,8%, in städtischen Gebieten auf der anderen Seite 1,0%.

Armutsmerkmale

Arme infrastruktur78,9% der Haushalte in Armut hatten Zugang zur öffentlichen Wasserversorgung. 

Die Nationale Haushaltserhebung ergab auch, dass 78,9% der Haushalte in einer Armutssituation über das öffentliche Netz Zugang zu Wasser und 46,4% über das öffentliche Netz Zugang zu Entwässerungsdiensten hatten. Darüber hinaus befinden sich 11,8% der armen Haushalte in überbelegten Wohnungen. Sie berichtete auch, dass 74,7 % der Haushalte in Armut über einen Gasherd, 65,9 % über ein Radio- oder Soundsystem, 60,4 % über einen Fernseher und 21,9 % über einen Kühlschrank verfügten. Was den Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) betrifft, so verfügten 84,4% der armen Haushalte über ein Mobiltelefon, 13,9% über ein Kabelfernsehen und 7,1% über einen Internetzugang. Das INEI berichtete auch, dass 71,7% der Gesamtbevölkerung Zugang zu drei grundlegenden Dienstleistungen (Wasser, sanitäre Einrichtungen und Elektrizität) haben.

Versorgung der Kinder verbessert

Kinder SchulbesuchIm Jahr 2019 besuchten 77,5 Prozent der Kinder im Alter von 3 bis 5 Jahren die Vorschule, 92,8 Prozent der Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren die Grundschule und 75,3 Prozent der Jugendlichen im Alter von 12 bis 16 Jahren die Sekundarschule. Von der Gesamtzahl der armen Haushalte mit mindestens einem Kind oder Jugendlichen im Alter von 3 bis 16 Jahren verfügten 68,4% über einen Fernseher, 65,6% über ein Radio oder eine Tonanlage und 7,5% über einen Computer. Was den Zugang von Kindern und Jugendlichen zu IKT betrifft, so nutzten jeweils 28,3% das Internet und das Mobiltelefon eines Verwandten oder Freundes, und 14,2% hatten Zugang zu IKT über ihr eigenes Mobiltelefon.

Frauen sind stärker von Armut betroffen

Laut der nationalen Haushaltserhebung (ENAHO) sind 51,6 Prozent der Gesamtbevölkerung, die in Armut lebt, Frauen. Außerdem genossen 63,3 Prozent von ihnen Primarschulbildung, 30,6 Prozent hatten Sekundarschulbildung, 3,9 Prozent erreichten das höhere nicht-universitäre Niveau und 2,2 Prozent hatten einen höheren Universitätsabschluss.
Darüber hinaus waren 25,3 Prozent der in Armut lebenden Frauen im Haushalt beschäftigt und 58,4 Prozent nahmen am Arbeitsmarkt teil. Von allen erwerbstätigen armen Frauen sind 57,1 Prozent in Berufen wie Straßenverkäuferinnen, Hausangestellte usw. tätig, 16,7 Prozent sind Händlerinnen und 14,7 Prozent sind u.a. in der Landwirtschaft tätig.

Informalität als prägendes Merkmal der Armut

Einkünfte und  Beschäftigung der Informellen

Das INEI berichtete, dass 94,7% der in Armut lebenden Bevölkerung eine informelle und 5,3% eine formelle Beschäftigung hatten. Darüber hinaus waren 61,1 Prozent selbständig und 38,9 Prozent abhängig beschäftigt (Angestellte, Arbeiter und Hausangestellte).

Im städtischen Gebiet arbeiteten 43,6 % der in Armut beschäftigten Bevölkerung in Berufen wie Straßenverkäufer und ähnlichen Berufen, wie Schuhputzer, Hausangestellte, Hausmeister, Land- und Forstarbeiter, Bergarbeiter, Transportarbeiter; 23,9 % sind Handwerker oder Maschinenbediener; während im ländlichen Gebiet 46,9 % in einfachen Berufen tätig waren und 43,4 % sind Bauern. Ein Großteil der Bewohner der Elendsviertel gehen informelle Tätigkeiten in Lima-Zentrum nach, so bewegen sich z.B. täglich mehr als 1/4 Mio. Personen  von San Juan de Lurigancho nach Lima (siehe Grafik weiter unten).

11,7% der älteren Menschen sind arm

Alte und VersicherungNach Angaben der ENAHO sind 11,7% der in Armut lebenden Bevölkerung ältere Menschen. Von der Gesamtzahl armer älterer Erwachsener sind 84,1 % krankenversichert und 76,5 % sind durch die umfassende Krankenversicherung (SIS) abgedeckt. Andererseits haben 71,2 % dieser Bevölkerung ein chronisches Gesundheitsproblem und 47,3 % haben Zugang zum Programm Rente 65.

Armut und Zugang zu staatlichen Programmen

Im Jahr 2019 hatten von der Gesamtzahl der Haushalte in Armut 60,8% Zugang zu sozialen Nahrungsmittelprogrammen, 91,0% der armen Haushalte erhielten ein Schulfrühstück und 50,4% hatten Zugang zu Suppenküchen.

Bewegung Lurigancho nach Lima-Zentrum

Grafik: Bewegung von Einwohnern von San Juan de Lurigancho nach Lima

Quelle: INEI Pressemeldung vom 20.05.2020 und Präsentation des INEI-Direktors Dante Carhuavilca Bonett.

Über den Autor

Gerardo Basurco - Redakteur

Gerardo Basurco - Redakteur

Er betätigt sich als Berater und Projektleiter in der Privatwirtschaft und ist Dozent in Entwicklungspolitik und Landeskunde Lateinamerikas für die AIZ/GIZ. Zudem verfügt er über langjährige Erfahrung in der Kooperation zwischen Deutschland und Lateinamerika.
Bei Peru-Vision ist er zuständig für den Bereich Wirtschaft und Politik sowie Consulting.

Kommentare (2)

  • Shanantina Sacha Inchi

    Shanantina Sacha Inchi

    27 Mai 2020 um 00:34 |
    Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Situation im Jahr 2020 mit der Tragödie des COVID für ganz Südamerika verbessern wird.
    Zudem ist der Zugang zu staatlichen Beihilfen nicht direkt, sondern muss über die Banken und zu deren Bedingungen erfolgen.
    Selbst die vom Staat erteilte Genehmigung, in das eigene Alterssparen einzusparen, wird die prekäre finanzielle Lage der Familien trotz der unmittelbaren Hilfe, die sie einigen bringt, letztlich noch verschärfen.

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    • Gerardo Basurco

      Gerardo Basurco

      27 Mai 2020 um 15:16 |
      Danke Shanantina für die Kommentare. Heute geht man davon aus, dass zum Jahresende die Armut um mindestens 8% ansteigen wird. Die Staatshilfen haben ein Großteil der bedürftigen Bevölkerung (población vulnerable) erreichen können, sehr oft jedoch mit Verzögerung,

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