07. November 2022

Patrick Leigh Fermor: Drei Briefe aus den Anden

Von Ernst R. Hartmann, Themen Newsletter - 17. November 2022 | Kultur, Gesellschaft und Bildung | Literatur

Europeos atacarán al Salkantay - Europäer stürmen den Salkantay

Patrick Leigh Fermor: Drei Briefe aus den Anden

Europeos atacarán al Salkantay – Europäer stürmen den Salkantay, meldet im August 1971 der El Comercio, die Tageszeitung in Cuzco. Es ist eine bunte Schar, die am 5. August 1971 von Chillca am Rio Urubamba unter dem Johlen der Kinder und dem Gebell der Hunde aufbricht. Eine Frau und fünf Männer begleitet von zwei Indios, acht Ponys, die die Ausrüstung tragen, und einem Fohlen. Die Gringos: „ein Juwelier, der einmal Ski-Champion war, ein Jurist, der zugleich Anthropologe ist, ein Landbesitzer mit Rennstall, zwei Schriftsteller … und eine wortkarge Wendy.“ Letztere ist Renée Fedden, eine erfahrene Bergsteigerin, die mit Robin, ihrem Mann, die Expedition leitet.

Das Ziel der Gruppe: das Salkantay-Huayanay-Massiv in der Cordillera Vilcabamba, ein Bergmassiv im Süden Perus. In „Drei Briefe aus den Anden“ – es sind eher Tagebuchaufzeichnungen – berichtet Patrick Leigh Fermor von der insgesamt fünfwöchigen Tour durch die peruanischen Anden.

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Zwei Wochen touren Mensch und Tier durch fast menschenleere Gegenden, steigen enge, schattige Schluchten bergauf, überqueren Gletscher, höher als der Gipfel des Montblancs, errichten ihr Lager in eiskalten Höhen.

Ohne Weiteres können auch bergunerfahrene Leser*innen – und dazu muss ich mich zählen – unsere Freunde begleiten. Mit ihnen suchen wir beim Aufstieg auf Höhen über 4.000 m „vergebens nach einem Rest Luft in unseren Lungen.“ Bleiben auch schon einmal mit dem Autor sowie dem Herzog von Devonshire, beide ebenfalls bergunerfahren, im Lager, wenn die übrigen Teilnehmer*innen der Expedition einen Gipfel besteigen. Sie zu begleiten „wäre gewesen, als ob Affen Geige spielten, nur gefährlicher.“

Oft wissen die Gringos und ihre indigenen Begleiter nicht, wo genau sie sich befinden: „Wir sind uns nicht sicher, wo wir sind, denn die Angaben auf den Karten widersprechen sich.“ Aber ist das angesichts der atemberaubenden Schönheit der Landschaft so wichtig?

Und die Schönheit dieser Landschaft versteht Fermor festzuhalten. Da erscheint eine Gletscherkruste „rund wie ein riesiges Baiser“. „… hinter kleinen Schneelawinen öffneten sich Querrisse mit blinkenden Eiszapfen, ein Schlund wie ein gähnender Wal.“ Die Wand eines Canyons ist von „Streifen in Blau, Rostfarben, Safrangelb, Orangerot, Malvenfarben und Purpur“ gezeichnet. Die „Welt in der Tiefe von einer dünnen Wolkendecke verborgen … eine unablässig wogende See. Die Bergspitzen wurden zu Küsten oder fernen Inseln, und wo ein Stück Landschaft wieder aus den Wolken auftauchte, waren es Buchten und Fjorde …“ Bilder, die mich an Gemälde von Caspar David Friedrich erinnern.

Kaspar FriedrichDass wir Leser*innen so rasch mit den Gringos vertraut werden, verdankt sich nicht nur Fermors Gabe, genau zu beobachten, sondern vor allem seiner Lust am Erzählen. Er schreibt ungemein lebendig, mit einer seltenen Leichtigkeit, nie aufdringlich, nie überheblich oder besserwisserisch. Es ist, als würde er uns kennen und uns persönlich berichten.

Noch dazu lässt er uns mit fast kindlichem Vergnügen an seinen „Entdeckungen“ teilhaben: „Wir haben uns übrigens in Cuzco und Lima alle mit eigenen Augen überzeugt, daß Wasser südlich des Äquators tatsächlich gegen den Uhrzeigersinn abfließt, wenn man es ausgießt. Wir haben überlegt, ob das wohl auch für Portwein nach dem Essen gilt …“

Allerdings kaum vorstellbar, dass unsere Abenteurer den Portwein auf diese Weise verschwendeten. Nicht nur 14 Flaschen zollfreien Whiskys fließen während der Expedition „durch sechs jubilierende Kehlen“, sondern auch Pisco, Chicha, Wodka, Chianti sowie auf Empfängen zum Abschluss der Reise Mouton-Rothschild und gigantische Gin-Tonics.

Was ebenso wenig zu einer „regulären“ Andenexpedition zu passen scheint, aber unbedingt zu unseren liebenswerten Freaks, sind die mitgeschleppte Reiselektüre – Bücher von Balzac, Charles Dickens, Henry James, Rudyard Kipling, Aldous Huxley bis zu William Prescotts „Conquest of Peru“ – sowie extravagante Stücke ihrer Kleidung: Pyjamas der Edelmarke Charvet und Schuhe aus Krokodilleder.

Noch vor dem Aufbruch in das Salkantay-Huayanay-Massiv hatte die Gruppe Machu Picchu besucht, ein „einsamer, stiller, mythischer Ort von unvergeßlicher Schönheit, streng und fremdartig."

Es fällt unseren Freunden nicht leicht, nach zwei Wochen an den Rio Urubamba zurückzukehren. Unter dem 16. August hält Fermor fest: „Der Ort, den wir nun erreichten – Silque Pampa – kam uns zahm vor nach dem Bergland …“ Die weitere Reise führt über Cuzco, den Titicacasee, Arequipa – eine „bezaubernde Stadt“ – nach Lima. Am 1. September 1971 besteigen sie das Flugzeug nach London.

Vor Jahren hat Wolfgang Büscher in der ZEIT Patrick L. Fermors Literatur als „wandernde, schweifende, herodotische“ charakterisiert. Dem ist nichts hinzuzufügen.

FermorPatrick Leigh Fermor (1915 – 2011) – Reisender, Abenteurer, Schriftsteller. Während des Zweiten Weltkriegs war er als britischer Agent an der Organisation des Widerstands gegen die deutsche Wehrmacht auf Kreta beteiligt. Seine spektakulärste Unternehmung, die Entführung des Befehlshabers der deutschen Besatzungstruppe auf Kreta im Jahre 1944, hat er einem Manuskript anvertraut, das nach seinem Tod unter dem Titel „Abducting A General“ (deutsch: Die Entführung des Generals) veröffentlicht wurde.

Bislang sind elf seiner Bücher, darunter sein Hauptwerk Die Zeit der Gaben und Zwischen Wäldern und Wasser, in deutscher Übersetzung erschienen. Bei uns ist Patrick Leigh Fermor noch kaum bekannt, seine Bücher leider zu selten gelesen.

Buch cover fuer textPatrick Leigh Fermor: Drei Briefe aus den Anden. Aus dem Englischen von Manfred Allié. 160 Seiten. Büchergilde Gutenberg. Frankfurt am Main, Wien und Zürich 2022 (mit einem hilfreichen Personen-, Sach- und Ortsregister)

„Drei Briefe aus den Anden“ sind in der von Julia Finkernagel herausgegebenen Reihe „BÜCHERGILDE unterwegs. Die Reise-Reihe gegen Fernweh“ erschienen. Eine Reihe, für die allein es lohnt, Mitglied der Büchergilde zu werden. Besonders reizvoll: die Reiseschilderungen aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. So Joseph Roths „Reisen in die Ukraine und nach Russland“ aus den Jahren zwischen 1924 und 1928 oder Alfons Paquets „Der Rhein, eine Reise“, erschienen 1923.

Über den Autor

Ernst R. Hartmann

Ernst R. Hartmann

Ernst R. Hartmann, geboren 1950 am linken Niederrhein. Versteht „links“ nicht nur geographisch. Nach Abitur, kaufmännischer Lehre und Ersatzdienst in einem Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt Studium der Mathematik und der Wirtschaftswissenschaften in Aachen und Freiburg i. Br. Arbeitete lange Jahre als Consultant in Einrichtungen des Gesundheitswesens und als Dozent vorwiegend in der Weiterbildung von Pflegekräften.

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