09. November 2022

Hergé: Tim und Struppi. Der Sonnentempel

Von Ernst R. Hartmann, Themen Newsletter - 17. November 2022 | Kultur, Gesellschaft und Bildung | Literatur

Hergé: Tim und Struppi. Der Sonnentempel

„Wir tauschten verblüffte und erleichterte Blicke und waren alle sicher, daß das Ganze pure, wohlmeinende Phantasie von Don J. war: eine Episode wie aus Graham Greene oder Evelyn Waugh. Oder, wie André meinte, Tintin au Temple du Soleil, Tim und StruppiDer Sonnentempel.“ (Patrick Leigh Fermor: Drei Briefe aus den Anden)

Hergé

Der belgische Comiczeichner Hergé (1907 – 1983) schrieb und zeichnete von 1929 bis zu seinem Tod neben anderen Geschichten die Abenteuer von Tim und Struppi (im französischsprachigen Original: Les aventures de Tintin). Insgesamt entstanden 24 Comic-Alben. Le temple du soleil / Der Sonnentempel wurde 1947 – 1948 im Magazin „Tintin“ veröffentlicht und 1949 für das als 14. Band erschienene Album auf 62 Bildseiten gekürzt. Der Band wurde in 29 Sprachen übersetzt.

Die Fabel

Die Geschichte um die Mumie des Rascar Capac erstreckt sich als Fortsetzungsgeschichte über zwei Bände: Die sieben Kristallkugeln und Der Sonnentempel.
Die sieben Kristallkugeln: Eine ethnografische Expedition entdeckt in Peru in einer Grabstätte der Inka eine Mumie, die anhand der Inschriften als Inka Rascar Capac identifiziert wird. Die Mumie wird nach Europa gebracht. Die an der Expedition beteiligten Wissenschaftler und ein Kameramann fallen in einen todesähnlichen Schlaf, aus dem sie in kurzen Abständen voller Panik erwachen, um erneut ins Koma zu fallen. Dieser Zustand wird einem Fluch der Inka zugesprochen, die die Grabräuber für ihren Frevel bestrafen.
Der Sonnentempel: Tim, Kapitän Haddock und Struppi brechen nach Peru auf, um den Fluch zu brechen und ihren inzwischen entführten Freund, Professor Bienlein, zu befreien, den sie in der Gewalt der Inka vermuten.

Die Expeditionsroute zum Sonnentempel

Trajet 07

Die Mumie im Brüsseler Museum für Kunst und Geschichte

Exponat AAM5939 im Brüsseler Museum für Kunst und Geschichte (Musées royaux d’Art et d’Histoire
Koninklijke Musea voor Kunst en Geschiedenis) und während der Untersuchungen im Computertomographen

Exponat AAM5939 im Brüsseler Museum für Kunst und Geschichte (Musées royaux d’Art et d’Histoire / Koninklijke Musea voor Kunst en Geschiedenis) und während der Untersuchungen im Computertomographen

Im Brüsseler Museum für Kunst und Geschichte wird unter der Inventarnummer AAM5939 eine von sieben Mumien aus der amerikanischen Sammlung gezeigt. Sie gelangte Mitte des 19. Jahrhunderts unter ungeklärten Umständen – wahrscheinlich durch Vermittlung des Ornithologen und Naturforschers Jean-Baptiste Popelaire de Terloo – nach Brüssel.

Hergé, der in Etterbeek, in der Nähe des Museums lebte, kam oft zu Besuch, um sich inspirieren zu lassen. So gilt als gesichert, dass die Mumie des Brüsseler Museums Vorbild für die Mumie des Rascar Capac in Die sieben Kristallkugeln und Der Sonnentempel wurde. Allerdings ergaben Untersuchungen, dass der Tote – aus einer Bauerngesellschaft im Norden Chiles – keiner Herrscherkaste entstammte.

Kolonialismus und Rassismus im Werk Hergés

Hergé reproduzierte in den frühen Alben unverhohlen kolonialistische und rassistische Haltungen. In Tim im Kongo / Tintin au Congo stellte er die belgische Kolonialherrschaft, eines der brutalsten europäischen Kolonialsysteme überhaupt, als Segen für Schwarze Menschen dar. Schwarze seien dumm und faul, sie seien bestenfalls Kinder, die der Aufsicht, Führung, Belehrung und gegebenenfalls der Bestrafung durch die Hand des weißen Mannes bedürfen.

Zwar distanzierte sich Hergé später von seinen kolonialistischen und rassistischen Positionen – auch von seinem zumindest opportunistischen Verhalten während der nationalsozialistischen Besetzung Belgiens in den Jahren 1940 – 1944. Aber noch 1973 entfernte er auf Druck US-amerikanischer Verlage im Band Tim in Amerika Bilder von Schwarzen Menschen und ersetzte sie durch Panels hellhäutiger Menschen: Die Verleger forderten Rassentrennung!

(Neo)Kolonialismus und Rassismus in Der Sonnentempel

Wie steht es nun um (neo)kolonialistische und rassistische Tendenzen im Sonnentempel?

Durchgängig werden Quechua als „Indianer“ und „Eingeborene“ bezeichnet. Seitenlang müssen sie radebrechen – „Ich wissen, wo Mann ist … Ja, ich gestern hinter der Mauer … Wenn Indianer mich sehen mit dir sprechen, ich sofort sterben … du jetzt kommen …“ –, bevor sie dann im Sonnentempel wieder zur Schriftsprache finden. (Wie mag das Spanisch oder Quechua der Europäer in den Ohren der Indigenen klingen?) Doch das sind allenfalls vordergründige Entgleisungen, wie auch Kapitän Haddocks Flüche und rassistische Beschimpfungen.

Zur Klarstellung: die Schändung einer Grabstätte und der Raub der Mumie sind – nicht zuletzt im realen Fall des Brüsseler Museums – Verbrechen, die geahndet und gesühnt werden müssen. Dahingestellt sei, ob, wie in der fiktiven Geschichte, ein Fluch die angemessene Strafe ist. Stillschweigend jedoch wird der Raub der Mumie des Rascar Capac mit dem „wissenschaftlichen“ Interesse der Europäer gerechtfertigt. Der über die Wissenschaftler verhängte Fluch, der sie in den genannten todesähnlichen Schlaf versetzt, wird zum „eigentlichen“ Verbrechen verkehrt. Tat – Schuld – Strafe – die logische Kette wird auf den Kopf gestellt.

Zwar lässt Hergé in Die sieben Kristallkugeln einen Mitreisenden im Zug zu Tim sagen: „Überhaupt, warum lässt man diese Leute nicht in Frieden …? Was würden wir denn sagen, wenn die Ägypter oder Peruaner kämen, um die Grabstätten unserer Könige zu öffnen …?“ Doch verpufft dieser zaghafte Ansatz, die Tat-Schuld-Strafe-Logik wiederherzustellen.

Im Sonnentempel angekommen, gelingt es Tim mit einem Taschenspielertrick, den Fluch zu brechen, sowie Haddock, Bienlein und sich selbst vor einem drohenden Opfertod zu bewahren. Er weiß um Tag und Stunde einer bevorstehenden Sonnenfinsternis, nutzt deren Vorhersage und die Ankündigung ihres Endes, um die Quechua das Fürchten zu lehren: „Erbarmen, Fremder, ich flehe dich an! Lass die Sonne wieder leuchten, und deine Wünsche sollen mir Befehl sein!“ Die Quechua sind Kinder, die der weiße Mann mit kleinen Tricks manipuliert und sie zu folgen nötigt. (Zwischenruf: Die Inka waren geübt in der Beobachtung der Sonne. Hätte eine Sonnenfinsternis sie so überrascht und entsetzt?)

Was folgt

Festzuhalten ist, dass Der Sonnentempel im Grundton rassistisch und neokolonialistisch daherkommt. Der Comic-Fan wird einwenden, dass dies der Epoche geschuldet sei, in der das Werk entstand. Mag sein. Nur ist das keine Entschuldigung. Ich plädiere nicht für ein Verbot des Albums. Auch will ich keine Leser*in davon abhalten, zum Sonnentempel zu greifen. Unbestritten ist die graphische Meisterschaft Hergés. Allerdings sollten wir uns bei der Lektüre die menschenverachtende Haltung, die den „Helden“ der „Expedition Sonnentempel“ und dem Autor zu eigen ist, bewusst machen. Nicht zuletzt, weil dieser Comic unser Bild von Peru und seiner indigenen Völker vielleicht schon geprägt hat.


     Hergé: Tim und Struppi. Der Sonnentempel. Hamburg 1998. Carlsen Verlag GmbH. 64 Seiten     

Über den Autor

Ernst R. Hartmann

Ernst R. Hartmann

Ernst R. Hartmann, geboren 1950 am linken Niederrhein. Versteht „links“ nicht nur geographisch. Nach Abitur, kaufmännischer Lehre und Ersatzdienst in einem Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt Studium der Mathematik und der Wirtschaftswissenschaften in Aachen und Freiburg i. Br. Arbeitete lange Jahre als Consultant in Einrichtungen des Gesundheitswesens und als Dozent vorwiegend in der Weiterbildung von Pflegekräften.

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