05. Mai 2021

Peru – eine widersprüchliche Wirtschaftsentwicklung

Von Gerardo Basurco - Redakteur, Nora Basurco - Freie Mitarbeiterin, Themen Binnenwirtschaft | Die peruanische Außenwirtschaft | Newsletter - 2021 - 06. Mai | Volkswirtschaft

Julio Velarde, Präsident der peruanischen Zentralbank seit 2006

Die peruanische Wirtschaft zeigte eine erstaunliche Entwicklung in den letzten Dekaden auf. Die Corona-Pandemie hat nun jedoch fundamentale Schwächen des sozialen Systems aufgedeckt.

Der Präsident der autonomen Zentralbank Perus Julio Velarde präsentierte im ersten Quartalbericht diesen Jahres die bisherige Entwicklung der Wirtschaft Perus und gab eine positive Einschätzung für die künftige Entwicklung.

Es stellt sich nun die Frage: Reicht eine Fortführung des bisherigen Wirtschaftsmodells aus, um die Schwachstellen des Systems zu überwinden?

Entwicklung des Bruttoinlandprodukts BIP

Die Corona-Pandemie und die Reaktion darauf seitens der Regierung bescherte Peru einen der stärksten Rückgänge des BIPs weltweit, -30% im 2. Quartal 2020 im Vergleich zum Quartal 2019. Die peruanische Wirtschaft hat sich seitdem erstaunlich schnell wieder erholt. Bereits im 4. Quartal 2020 betrug der Rückgang lediglich -1,7% im Vergleich zum Vorjahr und im 1. Quartal diesen Jahres zeichnet sich ein positiver Trend ab, der im 2. Quartal fast 40% erreichen könnte.

Recuperacion economica1

Die Erholung der peruanischen Wirtschaft ist auch im internationalen Kontext Welt EW 2020bemerkenswert. Im Vergleich zu ausgewählten Ländern Europas und den USA konnte Peru deutlich schneller auf den Ausgangswert; im Vergleich zu den stärksten Wirtschaften Lateinamerikas, schneiden nur Brasilien und Chile besser als Peru ab.

Die sektorale Entwicklung des BIP für das Jahr 2020 zeigt, dass der Nicht-Rohstoffsektor (PBI no Primario) mit -12,1% am stärksten gesunken ist, und damit sogar höher war als der Rückgang des BIP mit -11,1%. Die Aussichten für dieses und das Jahr 2022 jedoch sind besonders positiv. Nach den neuen Schätzungen der Zentralbank im März 2021 wird für 2021 ein Wachstum des BIP von 10,7% und für 2022 von 4,5% erwartet; insbesondere das Wachstum des Metallbergbaus (Kupfer, Zink, Gold, Silber, usw.) wird mit 11% und 6,9% überdurchschnittlich hoch ausfallen.

BIP Wachs

Der Außenhandel

Die Auswirkungen der Pandemie haben sich auch im Außenhandel des Landes bemerkbar gemacht. Dies führte zu einem Rückgang sowohl der Exporte als auch der Importe im Jahr 2020, aber trotzdem warf die Handelsbilanz einen Überschuss von 7,7 Mrd. US Dollar auf. Dies lässt sich zum einen durch einen stärkeren Rückgang der Importe, durch höhere Preise für Bergbauprodukte (speziell Kupfer) und das anhaltende Exportvolumen von Agrarprodukten erklären.

HB

Reservas internacionales

Für die nächsten Jahre ist mit einem deutlichen Anstieg der Exporte zu rechnen, was zu erhöhten Überschüssen in der Handelsbilanz führen wird. Bereits im Jahre 2020 gelang es der Zentralbank Perus ihre Devisenreserven deutlich zu erhöhen; eine Tendenz, die auch für 2021 zu erwarten ist. Hiermit hat das Land Mittel angesammelt, die für schwierige Zeiten eingesetzt werden können.

Außerordentliche Entwicklung der Agrarexporte

Im Jahr 2020 betrugen die Gesamtexporte Perus 39,3 Mrd. US Dollar, davon waren 7,55 Mrd. Agrarexporte, d.h. 19,21%. Diese Exporte sind zwischen 2011 und 2020 kontinuierlich gestiegen. Bemerkenswert ist, dass die nicht-traditionellen Exporte in diesem Zeitraum mehr als verdoppelt. Im Jahr 2020 waren die fünf stärksten, nicht-traditionellen Agrarexporte: frische Trauben (16%), frische Blaubeeren (13%), frische Avocados (10%), grüne Kaffeebohnen (9%) sowie frischer Spargel (5%). Ferner ist Peru weltweit der erste Exporteur von Blaubeeren und Quinoa, der 2. von Avocados und Spargel, der 3. von Ingwer, der 4. von Trauben und Mangos sowie der 10. von Knoblauch und Kaffee.

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Die nicht-traditionellen Exporte des Agrarsektors für die Monate Januar und Februar dieses Jahr betrugen 1,3 Mrd. US-Dollar und lagen 13,7% höher als die vom gleichen Zeitraum im Jahr 2020 (Siehe: BCRP). Hierbei sind die größten Exportzuwächse an bei frischen Trauben (27,7%), Blaubeeren (25,8%), Avocado und Mango zu verzeichnen (Siehe: Mincetur).

Armutsentwicklung und soziale Dienste

Mit der positiven Entwicklung der Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten ging eine deutliche Abnahme der Armut einher. Noch 2006 war fast die Hälfte der Bevölkerung Perus (49,1%) von Armut betroffen. 2010 fiel sie auf 30,8% und sank bis 2019 auf 20,2%. (siehe: Armut). Die COVID-19-Pandemie brach in März 2020 in Peru aus und hatte verheerende Auswirkungen auf die Wirtschaft Perus und somit auch auf die Armutssituation. Für das Jahr 2020 rechnete Elmer Cuba, renommierter Volkswirt und Direktor der Zentralbank Perus, mit einer Erhöhung der Armut auf mindestens 28% (El Comercio von 12.05.20). Gleichzeitig hat sich die Arbeitslosenrate für den formellen Sektor verdoppelt (auf 13,1%); was einen Verlust von 2,2 Mio. Arbeitsplätzen bedeutet.

Die Pandemie deckte erhebliche Defizite der sozialen Dienstleistungen auf. Zu Beginn der Pandemie verfügte das Land lediglich über 270 Betten für Intensivmedizin und 2000 Krankenhausbetten. Das Land führte die Rangliste der Todesfälle pro 100 000 im August 2020 weltweit an, obwohl es eine der strengsten Quarantäne-Politiken der Welt verhängt hatte (Siehe: Entwicklung der Pandemie). Als im Zuge der Quarantäne die Schulen geschlossen wurden und auf virtuelle Ausbildung umgestellt wurde, konnte der Staat die Schüler weder mit einer dazu notwendigen großflächigen Internetanbindung noch mit Tablets versorgen. Die wohlgemeinten Gutscheine für die arme Bevölkerung konnten dieser vor allem im ländlichen Bereich nur mit erheblichem Aufwand und oft mit großem Zeitverzug ausgehändigt werden. Dadurch wurde die Unfähigkeit der staatlichen Institutionen bei der Umsetzung dieser Maßnahme offensichtlich.

Fazit

Peru kann zwar eine erstaunlich gute ökonomische Bilanz für die letzten Dekaden vorlegen (Wachstum des BIP, Exportboom, hohe Devisenreserven und somit Verfügbarkeit von staatlichen finanziellen Mitteln) und teilweise eine Reduktion der Armut vorweisen, aber wenn eine Krisensituation – wie die Corona-Pandemie – eintritt, werden die strukturellen Schwächen des Systems offensichtlich. Dem peruanischen Staat ist es nicht gelungen das Land mit den notwendigen sozialen Leistungen (Gesundheit, Ausbildung, Infrastruktur) zu versorgen und die Mehrheit der Bevölkerung an dieser ökonomischen Entwicklung zu beteiligen. Ferner sind die staatlichen Strukturen nicht in der Lage ihre Mittel effizient einzusetzen geschweige denn zu verwalten.
Umfassende Reformen tun not.

Quelle: El Comercio, BCRP, BCRP2 und Mincetur

Über den Autor

Gerardo Basurco - Redakteur

Gerardo Basurco - Redakteur

Er betätigt sich als Berater und Projektleiter in der Privatwirtschaft und ist Dozent in Entwicklungspolitik und Landeskunde Lateinamerikas für die AIZ/GIZ. Zudem verfügt er über langjährige Erfahrung in der Kooperation zwischen Deutschland und Lateinamerika.
Bei Peru-Vision ist er zuständig für den Bereich Wirtschaft und Politik sowie Consulting.

Nora Basurco - Freie Mitarbeiterin

Nora Basurco absolvierte nach dem Abitur ein Praktikum als Assistant Teacher von Deutsch und Englisch an der deutschen Schule Max Uhle in Arequipa. Nach dem Studium von European Studies und Informatik ist Nora Basurco als freie Mitarbeiterin für Peru-Vision tätig.

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