31. Mai 2022

César Vallejo - Los heraldos negros / Die schwarzen Boten

Von Ernst R. Hartmann, Themen Kultur, Gesellschaft und Bildung | Literatur | Newsletter - 01. Juni 2022

César Vallejo - Los heraldos negros / Die schwarzen Boten

Zugegeben! Gedichte sind keine leichte Kost. Aber eine unverzichtbare. Ohne Gedichte verdursten, verhungern wir, gehen wir zugrunde. Ich fürchte, wir, die wir keine Gedichte lesen, sind bereits vertrocknet, ohne es bemerkt zu haben. Dabei kennen wir sie seit unserer Geburt. Als Kinderlied, als Spruch, als Verse, als Gebet, mit denen unsere Mütter, gelegentlich auch unsere Väter, uns Trost spendeten, Schmerzen linderten, Liebe und Vertrauen vermittelten. Später, in der Schule, im Beruf, haben wir verlernt, Gedichte – im wahrsten Sinne des Wortes – zu uns zu nehmen. Aber es ist nicht zu spät. Es muss ja nicht sogleich die Lyrik eines César Vallejo sein. Aber auch an ihr kommen wir letztlich nicht vorbei.

Im Jahre 1918 hat César Vallejo seine bis dahin veröffentlichten und einige wenige weitere Gedichte in einer Sammlung zusammengefasst. Der Band wurde nach dem ersten Gedicht – Los heraldos negros / Die schwarzen Boten – benannt. Aus dieser als Band IV der Werke César Vallejos in der Rimbaud Verlagsgesellschaft erschienenen Sammlung stammen das folgende Gedicht und seine Übertragung von Curt Meyer-Clason

La copa negra

La noche es una copa de mal. Un silbo agudo
del guardia la atraviesa, cual vibrante alfiler.
Oye, tú, mujerzuela ¿cómo, si ya te fuiste,
la onda aún es negra y me hace aún arder?

La Tierra tiene bordes de féretro en la sombra.
Oye tú, mujerzuela, no vayas a volver.

Mi carne nada, nada
en la copa de sombra que me hace aún doler;
mi carne nada en ella,
como en un pantanoso corazón de mujer.

Ascua astral … He sentido
secos roces de arcilla
sobre mi loto diáfano caer.
Ah, mujer! Por ti existe
la carne hecha de instinto. Ah mujer!

Por eso ¡oh, negro cáliz! aun cuando ya te fuiste,
me ahogo con el polvo,
y piafan en mis carnes más ganas de beber! 

 Portada de la primera edición del poemario "Los heraldos negros", 1918,

Erstausgabe von los heraldos negros

 

Der schwarze Kelch

Die Nacht ist ein Kelch des Bösen. Ein scharfer Pfiff
des Wächters durchstößt sie wie eine bebende Nadel.
Hör, du, Luder, warum, wenn du schon weg bist,
ist die Welle noch so schwarz und bringt mich zum Brennen?

Die Erde hat im Dunkeln Ränder eines Sargs.
Hör zu, Luder, komme bloß nicht zurück.

Mein Fleisch schwimmt, schwimmt
im Schattenkelch, der mich noch immer leiden lässt;
mein Fleisch schwimmt in ihm
wie in einem sumpfigen Frauenherz.

Sternenglut … Ich spürte
die dürre Berührung des Tons
auf meine durchsichtige Lotusblume fallen.
Ach Frau! Dank dir
gibt es das aus Instinkt geschaffene Fleisch. Ach Frau!

Daher, ach schwarzer Kelch! Auch wenn du schon fort bist, ersticke ich im Staub,
und in meinem Fleisch stampft immer größere Trinklust!

Der Reichtum eines Gedichtes erschließt sich kaum bei einer ersten Begegnung. Die Brüche im Text, die Bilder, Figuren, sprachliche Wendungen scheinen willkürlich. Doch das täuscht. Allzu leicht zu übersehen sind die das Gedicht strukturierenden Reime, die in jedem zweiten Vers, in der um je eine Zeile erweiterten vierten und fünften Strophe im dritten Vers auftauchen: alfiler / arder / volver / doler / mujer / caer / mujer / beber.

Unsere Erfahrung der Nacht ist die Schwärze, die alles Licht schluckt. Das Gedicht lässt uns an ihren Metamorphosen teilhaben. Der schwarze Kelch (copa negra) erscheint als Kelch des Bösen (copa de mal), als Schattenkelch (copa de sombra) und schließlich als schwarzer Blütenkelch (negro cáliz). Als Blütenkelch (cáliz) verbindet er sich mit dem Kelch der Lotosblume und über caliza (Kalkstein, kalkhaltig) mit der dürren Reibung der Tonerde (secos roces de arcilla) und dem Staub (polvo), an dem wir ersticken. Das Schwarz ergreift sogar die Welle (onda) und verflüchtigt sich im Schatten (sombra). – Mag sein, dass uns als Kinder die Schwärze der Nacht geängstigt hat. Dann haben wir sie gebraucht: die Mutter, ihr Lied, ihren Trost, die Frau, die uns geboren hat (mujer! Por ti existe la carne hecha de instinto).

Die Fülle des Gedichtes ist hier noch längst nicht erschlossen. Was löst die Verkettung von Nacht (noche) / Nutte (mujerzuela) / Frau (mujer) / dem aus Instinkt (Trieb) geschaffenen Fleisch (la carne hecha de instinto) aus? Was das Staccato mi carne nada, nada / mi carne nada en ella? Der geahnte Reichtum sollte Lust machen auf die weiteren 68 Texte, die der Gedichtband in sechs unterschiedlich langen Abschnitten vereint. Lust, die unseren Durst stillt – más ganas de beber.

der schwarze kelch

die nacht ist ein kelch des bösen. ein stechendes zischen
der wache durchbohrt sie wie eine bebende nadel.
höre, dirne, wie wenn du schon gegangen
ist noch die woge schwarz und bringt zum brennen mich?

die erde hält die randungen des sargs im schatten.
höre, dirne, kehre nicht um.

mein fleisch, es treibt, es treibt
im schattenkelch, der mich noch immer schmerzt
es treibt mein fleisch in ihm
wie im sumpfigen herzen einer frau.

sternenglut … und spürte
dürrer reibung erdnen tons
auf meinen zarten lotos sinken.
du frau, weil es dich gibt
hast du aus trieb das fleisch geschaffen, frau!

daher, oh schwarzer kelch, sogar wenn du gegangen
ersticke ich am staub
und stampft in meinem fleisch vermehrt die lust zu trinken!

Nachdichtung: Ernst R. Hartmann

An dieser Stelle soll einzig aufmerksam gemacht werden auf den ersten Gedichtband César Vallejos. Seine Würdigung als einer der bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts nicht nur der spanischsprachigen Literatur bleibt kompetenteren Autor*innen vorbehalten. So Hans Magnus Enzensberger, der 1963 fünf Gedichte aus „Los heraldos negros“ übertragen hat.

César Vallejo: Die schwarzen Boten / Los heraldos negros. Gedichte spanisch / deutsch. Übertragen von Curt Meyer-Clason. Mit Anmerkungen und mit einem Nachwort von Alberto Perez-Amador Adam. Aachen 2000. Rimbaud Verlagsgesellschaft. 173 Seiten

César Vallejo: Gedichte. Spanisch und Deutsch. Übertragung und Nachwort von Hans Magnus Enzensberger. Neuntes und zehntes Tausend. Frankfurt am Main 1989. Suhrkamp Verlag. Bibliothek Suhrkamp Band 110. 129 Seiten.

Vom Übersetzen / Sobre traducción

Gegen Ende des Films „Paterson“ von Jim Jarmusch, einer Hommage an den Lyriker William Carlos Williams, trifft ein japanischer Tourist auf Paterson, Busfahrer im gleichnamigen Ort: Paterson / New Jersey. Sie kommen, beide schreiben Gedichte, ins Gespräch. Der Tourist zeigt Paterson seine Notizbücher und merkt an, dass er seine Gedichte nicht übersetzen lassen wird. „My poetry only in Japanese. No translation. Poetry in translation only like taking a shower with raincoat on.“ / „Es gibt meine Gedichte nur auf Japanisch. Keine Übersetzung. Übersetzte Gedichte sind so wie mit einem Regenmantel unter der Dusche stehen.“


Über das Gedicht und die Grenzen seiner Übersetzung schreibt César Vallejo:

“Un poema es una entidad vital mucho más orgánica que un ser orgánico. A un animal se le amputa un miembro y sigue viviendo; a un vegetal se le corta una rama o una sección del tallo y sigue viviendo. Si a un poema se le amputa un verso, una palabra, una letra, un signo ortográfico, muere. Como el poema, al ser traducido, no puede conservar su absoluta y viviente integridad, él debe ser leído en su lengua de origen, y esto, naturalmente, limita, por ahora, la universalidad de su emoción. Pero no hay que olvidar que esta universalidad será posible el día en que todas las lenguas se unifiquen y se funda, por el socialismo, en un único idioma universal.”


Ein Gedicht ist eine lebendige Einheit, viel organischer als ein organisches Lebewesen in der Natur. Einem Tier wird eine Gliedmaße amputiert und das Tier lebt weiter; einer Pflanze wird ein Zweig abgeschnitten oder ein Stück vom Stiel und die Pflanze lebt weiter. Aber amputiert man von einem Gedicht nur eine Verszeile, ein Wort, einen Buchstaben, ein Satzzeichen – stirbt es. Daher kann das Gedicht, wenn es übersetzt wird, seine absolute und lebendige Integrität nicht bewahren; es sollte in seiner Originalsprache gelesen werden, und natürlich schränkt das, gegenwärtig noch, die Universalität seiner Empfindung ein. Doch man darf nicht vergessen, dass diese Universalität an dem Tage möglich sein wird, da alle Sprachen sich vereinen und verschmelzen, nämlich durch den Sozialismus, zu einer einzigen universalen Weltsprache. (Übertragung von Ivor Joseph Dvorecky)

Über den Autor

Ernst R. Hartmann

Ernst R. Hartmann

Ernst R. Hartmann, geboren 1950 am linken Niederrhein. Versteht „links“ nicht nur geographisch. Nach Abitur, kaufmännischer Lehre und Ersatzdienst in einem Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt Studium der Mathematik und der Wirtschaftswissenschaften in Aachen und Freiburg i. Br. Arbeitete lange Jahre als Consultant in Einrichtungen des Gesundheitswesens und als Dozent vorwiegend in der Weiterbildung von Pflegekräften.

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