08. Mai 2022

César Vallejo: Reden wir spanisch – man hört uns zu

Von Ernst R. Hartmann, Themen Kultur, Gesellschaft und Bildung | Literatur

Berichte aus Europa 1923 – 1930

César Vallejo: Reden wir spanisch – man hört uns zu

„Mit 19 Jahren tauchte er in den Städten auf, ein melancholischer Mestize, mager, dunkelhäutig, schwarz gekleidet, mit einer riesigen, pechschwarzen Mähne, das Gesicht beherrscht von großen Augen, die wie Tollkirschen glänzten.“ (Hans Magnus Enzensberger)
César Vallejo (1892 – 1938), vielen Lateinamerikaner einer ihrer größten Dichter im 20. Jahrhundert, emigrierte im Juni 1923, im Alter von 31 Jahren, nach Europa. Er bereiste Frankreich, Spanien, Deutschland, die Sowjetunion, schrieb, um einen mehr als kargen Lebensunterhalt zu sichern, aus Paris, Budapest, Berlin, Moskau und anderen Orten mehr als dreihundert Artikel für peruanische Zeitungen. César Vallejo starb am 15. April 1938 in Paris. Ohne je wieder peruanischen Boden betreten zu haben.

Csar Vallejo CoverVallejos Artikel wurden 1969, erneut 1987 von Jorge Puccinelli unter dem Titel „Desde Europa. Crónicas y artículos (1923 – 1938)“ herausgegeben. Aus diesem Band trifft Peter Kultzen die hier vorliegende Auswahl „Reden wir spanisch – man hört uns zu“.

Vallejo ist ein aufmerksamer, kritischer, manchmal satirischer, manchmal mitfühlender Beobachter europäischer Verhältnisse. Ein mit Leidenschaft und Enthusiasmus ausgestatteter Zeitzeuge. Er lernt den „Glücksritter“ Pablo Picasso kennen, schreibt über den Pariser Autosalon 1926 und einen Internationalen Rattenkongress, kommentiert in „Der Untergang der Masken“ den Pariser Karneval, amüsiert sich bei einem Besuch des Circus Busch in Berlin über das „tiefernste Publikum“, grübelt über das religiöse Empfinden europäischer Völker nach, schildert Zugreisen durch die Sowjetunion, sieht in Chaplins Film „Goldrausch“ ein „herzzerreißendes Plädoyer gegen die gesellschaftliche Ungleichheit“.

Überhaupt sind ihm soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit, Humanismus und gesellschaftlicher Fortschritt ein Thema: „Gut wird der Fortschritt erst sein, wenn seine Wohltaten allen zur Verfügung stehen. Anders gesagt, die Bequemlichkeit und der Wohlstand der Menschen hängen weniger vom industriellen und wissenschaftlichen Fortschritt als von der sozialen Gerechtigkeit ab.“

Er klagt in „Orient und Okzident“ (April 1927) die europäischen „Kulturnationen“ der Arroganz, der skrupellosen Ausübung ihrer Macht gegenüber lateinamerikanischen und asiatischen Völkern und der Ausbeutung an: „… in Amerika – ich spreche von Lateinamerika – haben die Europäer alles zerstört, unsere Philosophien, Religionen, Industrien und Künste …“

Kann uns Europäern ein lateinamerikanischer Schriftsteller aktueller sein?

So demaskiert Vallejo im „Bericht aus Paris“ (Juli 1925) die liberalen Parteien Europas – „In allen Demokratien, die es seit 1789 gegeben hat, haben die als liberal bezeichneten politischen Parteien sich als zahnlose Mäuler lächelnder Kranker erwiesen.“ –, prangert englische und französische Textilfabriken in Asien an, in denen „Männer, Frauen und Kinder für zwei Shilling, acht Penny und zwei Penny“ fünfzehn Stunden arbeiten müssen und geißelt den zeitgenössischen Journalismus, der zum „populistischen Orakel“ verkommt.

An anderer Stelle schreibt er: „Der Kriegsminister wird eines Morgens vom Bett aus auf einen Knopf drücken, woraufhin sämtliche Städte des gegnerischen Landes auf einen Schlag … ausgelöscht werden. Noch am selben Abend wird dann der nächste Friedensvertrag unterzeichnet werden …“

Honi soit qui mal y pense.

Treten wir heute, im Jahr 2022, eine Reise durch unseren europäischen Kontinent an, besuchen die Orte, deren Atmosphäre Vallejo einzufangen versucht hat. Dann können uns seine Crónicas und Artículos ein Reiseführer sein. Allerdings werden unsere Beobachtungen düsterer als seine ausfallen. Unsere Gegenwart wird trüber, unsere Zukunft aussichtsloser, hoffnungsloser erscheinen.

Yo nací un día
que Dios estuvo enfermo,
grave.

Ich wurde an einem Tag geboren,
da Gott krank war,
schwerkrank.

aus:
Los heraldos negros / Die schwarzen Boten
übertragen von Curt Meyer-Clason

César Vallejo: Reden wir spanisch – man hört uns zu. Berichte aus Europa 1923 – 1930. Aus dem Spanischen und mit einem Vorwort von Peter Kultzen. Berlin 2018. Berenberg Verlag. 136 Seiten

 


César Vallejo (Spanisch)

Chronologie von Leben und Werk in Bildern


Über den Autor

Ernst R. Hartmann

Ernst R. Hartmann

Ernst R. Hartmann, geboren 1950 am linken Niederrhein. Versteht „links“ nicht nur geographisch. Nach Abitur, kaufmännischer Lehre und Ersatzdienst in einem Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt Studium der Mathematik und der Wirtschaftswissenschaften in Aachen und Freiburg i. Br. Arbeitete lange Jahre als Consultant in Einrichtungen des Gesundheitswesens und als Dozent vorwiegend in der Weiterbildung von Pflegekräften.

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