13. September 2017

"From Ashes to Naches"

Von Miguel Meyer, Themen Literatur | Newsletter - 2017 - 09 September

Rezension des Buches von Fred Reich in Zusammenarbeit mit José Antonio Salas

Fred Reich

Nach Auschwitz

Als die Sowjetarmee Auschwitz am 27. Januar 1945 befreite, endete das Martyrium für Kurt Reich, 21-jährig, der das Schrecken überleben konnte. Doch die endgültige Befreiung von dieser Tortur ließ noch Wochen auf sich warten, denn noch stand ihm zusammen mit etwa Tausend weiteren Häftlingen ein Todesmarsch nach Theresienstadt bevor. Es überlebten gerademal 129, die das Ziel am 7. Mai erreichten– körperlich wie auch psychisch in einem desolaten Zustand. Danach, mit knapp 30 Kilo Körpergewicht und der tätowierten Nummer A-1146 am linken Arm, schien der Alptraum vorerst ein Ende gefunden zu haben. Nach einem 3-monatigen Aufenthalt in einem Wiener Krankenhaus setzte allmählich so etwas wie eine Genesung ein. Doch auf die Frage, ob Kurt Reich sich ein Leben danach in Wien vorstellen könne, antwortete er, er wolle ganz einfach Europa verlassen und ein neues Leben anfangen.

Kurt Reich340x446Wer sich bei der Lektüre des Buches nur die Geschichte eines Auschwitz-Überlebenden vorstellt, kann mehr erwarten, denn in dem Buch von Fred Reich, geschrieben in Zusammenarbeit mit José Antonio Salas, „From Ashes to Naches“, überwiegt das Thema Hoffnung. Das Buch erzählt eine Familiensaga von den Anfängen in Beuthen (früher Oberschlesien, heute Polen) Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart in Lima, Peru.

Die Hoffnung läuft wie ein roter Faden durch die Erzählung; diese Hoffnung besteht maßgeblich darin, dass trotz Auschwitz ein Leben ohne Ressentiments möglich sein kann. Um dies zu beleuchten sei hier eine kleine Episode eingeschoben.

Neben Kurt Reichs’ Büro in Cuzco befand sich das Büro eines Deutschen, der eines Tages vor seiner Tür stand, um sich vorzustellen. „Wissen Sie“, sagte er, „ich bin Deutscher und kann nicht leugnen, dass ich, wie viele anderen junge Leute, das Dritte Reich bewundert habe. (…) Ich wusste nicht, was mit Ihnen geschah und schäme mich dafür. In meinem Namen und im Namen aller Deutschen bitte ich Sie um Verzeihung.“ Daraufhin stand Kurt Reich auf, ging auf ihn zu und umarmte ihn. Der Deutsche, während des Krieges ein Pilot der Luftwaffe, war ein bekannter Bierbrauer, nicht nur in Cuzco. Aus dieser Begegnung entstand zwischen den Beiden eine langhaltende Freundschaft.

Jahre später, in Arequipa, kam Fred Reich auf ausdrücklichen Wunsch seines Vaters in die Max-Uhle-Schule, eine deutsche Schule, wobei diese Entscheidung auf Unverständnis unter dem jüdischen Bekanntenkreis stieß. Aber, so wird Kurt Reich als Mensch beschrieben: offen, oftmals unkonventionell und jemand der das Leben meist optimistisch (im Engl. Original ‚radiant‘) und vorurteilsfrei begegnete.

La Paz

Mit Hilfe von Verwandten erlangte Kurt Reich ein Visum nach Bolivien und kehrte am 10. November 1946 Wien den Rücken. In La Paz angekommen hielt er sich vorerst mit Aushilfsarbeiten über Wasser, bis er als Laufbursche beim Bergbauunternehmen Mauricio Hochschild anfing. Er sollte da fast vier Jahrzehnte verbleiben, sich hocharbeiten und die Firma in den peruanischen Städten Tacna, Cuzco und ab 1960 in Arequipa vertreten.

In La Paz lernte er seine künftige Frau Inge geb. Böhm kennen, wie der Zufall es will: im Aufzug. Sie heirateten am 29. September 1948 und einige Monate später kam Fred auf die Welt. Am Tag seiner Geburt verbrannte Kurt Reich die paar Habseligkeiten, die er noch aus seiner Zeit in Auschwitz bei sich hatte.

Inge Reich und ihre Eltern mussten ebenfalls auswandern. Die Familie Böhm aus Beuthen erlebte das Schrecken der Kristallnacht, konnte jedoch im Mai 1939 ab Marseille über Panama und Chile nach Bolivien ausreisen. Die Reise konnte größtenteils mit der Veräußerung wertvoller Bilder finanziert werden.

Der Großvater

Eine Person, die eine wichtige Rolle im Leben von Fred Reich gespielt hat, war sein Großvater Kurt Böhm. Er würde für Fred und seine Schwester Marta da sein, sich um sie kümmern und auf beide aufpassen immer dann, wenn die Eltern sich auf Reisen befanden. Geboren wurde er am 22. Januar 1888; er studierte Jura unter anderem in Genf und ließ sich nach der Promotion als Notar nieder. Er diente als Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg und wurde sogar mit dem Eisernen Kreuz dekoriert. Als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, wurde Kurt Böhm nach Buchenwald deportiert, wo er aber Dank des Einsatzes seiner Ehefrau und bekannter Rechtsanwälten nach wenigen Tagen entlassen werden konnte. Nun war klar, dass ein Verbleib in Deutschland unmöglich, ja lebensbedrohlich geworden war– trotz seiner Behauptung, als ehemaliger dekorierter Soldat könne ihm nichts passieren.

Die Juristerei musste vorerst ruhen. In La Paz sattelte Kurt Böhm auf das gewerbliche Unternehmertum um, erwarb und führte eine Sodawasser-Fabrik, verkaufte seinen Anteil und versuchte es mit dem Vertrieb von Aftershavelotionen, bis er wieder seinen erlernten Beruf als Jurist aufnahm. Nach einem abwechslungsreichen Leben zwischen Deutschland, Bolivien, Peru und Japan verstarb er 93-jährig 1981 in Lima.

Peru

Als die großen Bergbauunternehmen 1952 in Bolivien verstaatlicht wurden, wurde die Lage für das Hochschild-Konsortium nicht länger hinnehmbar und so siedelte die Reich Familie nach Peru um, wo Kurt Reich für die Firma bis 1968 arbeitete, bis sie ihn nach Tokyo schickte. Diese Stadt sollte der letzte Posten für ihn als gehobener Angestellten des Konsortiums sein: Kurt Reich trennte sich von Hochschild und, nach einem kurzen Aufenthalt in Wien, gründete er 1977 seine eigene Firma mit Hauptsitz in Lima.

1982 verlieh Österreich Kurt Reich das „Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs“. Eine peruanische Zeitung zitierte Kurt Reich mit den Worten: „Die Grausamkeiten des Menschen sind zwar unzählig, sie werden aber durch das Gute Anderer überwunden– und seien diese nur Wenige.“ Nach einem erfüllten Leben verstarb Kurt Reich am 1. September 1996.
Fred Reichs´ Leben blieb mit der Stadt Lima bis zum heutigen Tag eng verbunden. Nach der Schule folgte ein Studium der Betriebswirtschaft in den USA; er heiratete seine Jugendliebe Alice geb. Roden aus Arequipa, hielt sich kurz in Canada, New York und Arequipa auf, ehe er bei der Importfirma seines Vaters in Lima zu arbeiten begann. Er wurde schließlich deren Geschäftsführer, eine Funktion die er bis heute ausübt. Fred Reich ist eine angesehene Persönlichkeit, besonders in der jüdischen Gemeinschaft. Als Vorstandsmitglied der Philharmonischen Gesellschaft Limas (Sociedad Filarmónica de Lima) trägt er maßgeblich und mit Begeisterung dazu bei, die Musiklandschaft in Lima lebendig zu halten. Renommierte Interpreten wie Andràs Schiff, die Wiener Kammersymphonie und viele anderen gastierten in Lima dank der Gesellschaft. Demnächst wird Fred Reich in den Ruhestand gehen, um sich unter anderem intensiver seinen drei Kindern und sechs Enkelkindern widmen zu können.

Bei der Beerdigung seines Vaters im September 1996 schloss Fred Reich seine Rede sinngemäß mit den Worten, „Du brachtest uns bei, nie zu vergessen aber zu vergeben.“ In diesem Zusammenhang ist auch das hebräische Wort „Naches“ einzuordnen. Es will Wohltat, Zufriedenheit, Freude zum Ausdruck bringen.

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Über den Autor

Miguel Meyer

Miguel Meyer

wuchs in Lima auf, wo er die Schule abschloss. Danach folgte ein Studium in Soziologie und Anglistik an der Alfred University in New York. 1977 machte er seinen 1. Staatsexamen an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg in Politikwissenschaft und Anglistik. Nach dem 2. Staatsexamen am Seminar für Studienreferendare Karlsruhe, wurde er Lehrer für Englisch und Geschichte. Anschließend war er über 20 Jahre in der Erwachsenenbildung mit dem Schwerpunkt Sprachdidaktik und -Vermittlung tätig.

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