03. Dezember 2015

Die tiefen Flüsse

Von Guerlio Peralta, Themen Kultur | Literatur | Newsletter - 2015 - 12 Dezember

Der peruanische Schriftsteller José María Arguedas starb vor 46 Jahren

Die tiefen Flüsse

Wenn man in Peru aufgewachsen ist und einem unterschwellig Quechua-Blut durch die Adern fließt, kann es passieren, dass unweigerlich tiefe Tränen beim Lesen der Romane und Erzählungen von José María Arguedas fließen. Es ist nicht nur die Beschreibung der Missstände und Demütigungen, welche die indigene Bevölkerung erleidet, sondern auch die Offenbarung einer Weltanschauung, die man in ihrer Ausdrucksweise als warm, zärtlich, großzügig, solidarisch und respektvoll gegenüber der Natur empfindet, und die Erkenntis, dass man dies unbewusst in sich trägt. Tränen, die man auch als "innere Reinigung" und Bestätigung der eigenen Identität empfindet.

Arguedas wurde 1911 in der Andenstadt Andahuaylas geboren. Als seine Mutter starb, er war drei Jahre alt, verbannte ihn seine Stiefmutter in die Küche zum Dienstpersonal. So wurde Quechua als auch Spanisch seine Muttersprache. Er wuchs unter der indigenen Bevölkerung auf, wodurch ihre Kultur auch seine eigene wurde.

Mit seinem Werk ist Arguedas der erste Schriftsteller, der in spanischer Sprache der Seele der Quechua-Kultur Ausdruck verleiht.


Im Roman "Die tiefen Flüsse" (1958), der heuer anlässlich seines 100. Geburtstags vom Verlag Wagenbach neu aufgelegt wurde, beschreibt Arguedas hinter der Maske der Fiktion seine eigene Kindheit: Der junge Ernesto reist mit seinem Vater, einem Arbeit suchenden Rechtsanwalt, durch Peru. In der Provinzstadt Abancay steckt der Vater den Sohn in ein katholisches Internat und zieht weiter. Ernesto weiß nicht, wie er sich in einer Welt behaupten soll, wo Großgrundbesitzer und katholischer Klerus miteinander verfilzt sind und Indigene und Schwarze diskriminiert werden.

Die Kosmovision der Indigenen ist in diesem zauberhaften Roman allgegenwärtig, sei es in Schilderungen von Bergen und Flüssen oder in der Sprache, die über die Musik zum Unsichtbaren und Geheimnisvollen vordringt, wie am Anfang des Romans, wenn Vater und Sohn in Cusco einer Glocke lauschen: "In den großen Seen, besonders in jenen mit Inseln und Schilfwäldern, gibt es Glocken, die um Mitternacht läuten. Wenn ihr trauriger Gesang ertönt, steigen Stiere aus Feuer oder Gold aus dem Wasser und schleppen Ketten hinter sich her; sie erklimmen die Gipfel und brüllen in der eisigen Kälte, denn die Seen liegen hoch in den Anden."

Margrit Klingler-Clavijo (Aus ihrem Artikel "Hinter der Maske der Fiktion")


Zahlreich sind auch seine Essays zur Quechua-Kultur, auf denen er seinen aktiven Einsatz für den Erhalt dieser Kultur und die Autonomie der indigenen Bevölkerung stützt.

Arguedas hat die Strömung des "Indigenismo" in der lateinamerikanischen Literatur mitbegründet und ist bis zum heutigen Tag die bedeutendste literarische Stimme der indigenen Kulturen.

1969 nahm sich José María Arguedas das Leben.



Mario Vargas Llosa über José María Arguedas


Der Journalist César Hildebrandt hat geschrieben: "Um Peru zu verstehen, muss man José María Arguedas lesen ...". Hier seine Dokumentation zu Arguedas.

Über den Autor

Guerlio Peralta

Guerlio Peralta

Guerlio Peralta verfügt über langjährige Erfahrung im Management von IT-Projekten im CRM- und Support-Bereich. Seit 2007 hat er sich auf die Konzeption, Erstellung, Administration und Pflege von Internet-Portalen spezialisiert.
Bei Peru-Vision ist er redaktionell zuständig für die Bereiche Tourismus und Gastronomie. Außerdem ist er zuständig für Technik, Kultur und Multimedia sowie für den Vertrieb.

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